Der Magier
Autor unbekannt. Original: The Magician
Nutze diese Geschichte zur Kontemplation. Auf jede Zeile kannst Du meditieren und die innere Transformation beschleunigen. Wie? Durch Erkenntnis des Einen in uns allen … das erhabene Mysterium des Spiels zwischen dem Höchsten Männlichen und dem Höchsten Weiblichen Prinzip; das Gleichnis von Dir und Mir!
Der Magier
Ich traf Ihn am Meer.
Zuerst verwandelte Er etwas Sand in eine Orange, und dann, nach und nach, verwandelte Er einen Samen in eine Blume, einen Baum in eine Handvoll Asche und einen Regentropfen in einen reißenden Bach.
Es schien, als ob Er spielte.
Fieberhaft beobachtete ich Ihn, wie Er eine große Liebe in Hass, zwei Freunde in drei Feinde und ein normales Wort in ein Gedicht verwandelte.
Vor meinen Augen wendete Er einen Kampf in Liebe.
Nachdem Er mein Interesse an dem Spiel sah und merkte, dass ich es mag, transformierte Er einen Bettler in einen Prinzen, einen Richter in einen zum Tode Verurteilten, einen Idioten in einen Wissenschaftler.
Er bemerkte meinen ängstlichen Blick und mit einer einfachen Welle seines Zauberstabs wurde ein altes Weib zu einer Tänzerin, ein Krüppel zu einem Seiltänzer, eine Mumie zu einer glänzenden Schönheit.
Und um mich zu bewegen, fragte Er mich, was er noch mir zu Liebe verwandeln dürfe?
Und ich sah, wie Er einen fruchtlosen Baum in eine volle Weizenernte, einen trockenen Stein in eine Kristallmine und eine Wüste in einen schönen Park verwandelte.
Und da ich Ihn höflich darum bat, nahm er sogleich eine Person an und verwandelte ins gesamte Universum die tiefste seiner Herzfalten.
Ich sagte, es sei sicherlich ein Trick und bat Ihn stattdessen mich zu transformieren.
Zuerst wandelte Er meine Arme in Zweige und dann in Flügel und dann stattete Er mich mit einem Löwenkörper und Pranken aus. Dann wollte ich ein Mensch sein und nach und nach machte er mich zum Krieger, zur Schneiderin, zu einem Bettler, Richter, zu einer Dirne und einem Landwirt.
Das Spiel amüsierte mich und ich mochte das Lächeln, das um Seine Mundwinkel spielte, während Er all diese Wunder vollbrachte.
Eines Tages schaute ich Ihn ernst an und fragte Ihn, ob Er mich heirate.
Ohne ein Zögern in Seinem Lächeln schaute Er mich ohne Verwunderung an.
Ich erwartete eine Absage.
Mit nur einer Bewegung zog Er mir ein Kleid aus Eisblumen an. Mit sternenbesetzter Krone. Dann ließ Er eine Kutsche mit beflügelten Pferden erscheinen.
Ohne Zweifel war ich die glücklichste Braut auf Erden, da er all meine unbedeutenden Wünsche anstrengungslos und ohne Zögern erfüllte.
Wie in einem wunderbaren Traum tauchte alles um mich herum auf, das jemals in meinen Gedanken war.
Er suchte ein kristallenes Nest in einem Berg als unser Hochzeitszimmer aus.
Aber als Er die Enttäuschung in meinen Augen sah, färbte Er die transparenten Wände violett, bedeckte den Boden mit Rosen und erleuchtete sie einzeln mit nach Myrre duftenden Kerzen.
Fasziniert schaute Er mich das erste Mal an und erst dann erkannte ich, dass Er in jeden einzelnen erfüllten Wunsch einen Teil Seiner Seele mit einbrachte.
Er liebte mich unbändig und unerwartet, auf die gleiche Weise wie der Fluss den Fels liebt, den er mit sich reißt, wie die Berge den Abgrund lieben in dem sie sich widerspiegeln, oder noch besser, wie der Pianist den Flügel liebt, mit dem er verschmilzt um die Musik hervorzubringen.
Als ich am Morgen erwachte bemerkte ich wie Er mich sehr aufmerksam anschaute, so als ob Er gerade dabei wäre, mich zu verwandeln. Ich schmiegte mich an ihn und bat ihn, mir noch einen Wunsch zu erfüllen, den ich mich bislang noch nicht mal selbst zu fragen getraut hatte.
Er zeigte mir ein anderes Wunder, bewegte seine Hand und plötzlich wurden die Rosen zu Asche, die Wände zerfielen zu Staub und wir befanden uns an der Küste des Meeres an der wir uns das erste Mal begegneten.
Ich brach in Tränen aus, doch Er schien mich nicht zu bemerken, und begann wieder zu spielen; Er verzauberte einen Bienenschwarm in eine Armee, einen Ameisenhügel in eine Burg und diese Burg in einen Sandhaufen.
Am Abend hörte ich auf zu weinen und erschien vor Ihm.
Auf meinen Knien flehte ich Ihn an, mir meinen Traum der vergangenen Nacht wieder zu erfüllen. Ich begegnete keinem Widerstand.
Er erfüllte meinen Traum mit der gleichen Geschwindigkeit wie gewöhnlich. Ich erfuhr die vergangene Nacht genau so unbändig, bis ins letzte Detail.
Und Er gab sich vollständig und war wieder fasziniert, als ob ich der Meister war. Und die Faszination in Seinen Augen ließ Sonnen in meiner Brust gebären und Universen in meinen Augen.
Ich genoss jeden Augenblick wie den Durst nach der Fata Morgana in der Wüste.
Jeden Morgen erwachte ich und verjagte jede Erinnerung des vorherigen Tages.
So zogen die Tage gleich bleibend dahin, bis ich mich erinnerte, das alles nur passierte, um sein Geheimnis zu lüften.
Ich vermied es vorschnell zu urteilen, doch spürte ich und zeigte sich täglich die Existenz eines Bruchs zwischen der Realität und der Zauberkunst meines Gatten und Meisters.
Wie in einem Traum, in dem man merkt, dass man träumt, aber nichts hilft aufzuwachen.
Und dann beginnt man zu zweifeln und wieder versteht man es und wieder versucht man es.
Aber mein Traum hörte nie auf, willentlich verändert von einem zum nächsten Traum, und Er bot mir alle Träume, und ließ sie fallen wie einen Arm voll Spielzeug vor einem Kind.
Wir wiederholten das erste Spiel und Er transformierte mich in alle Geschöpfe der Erde, eins nach dem anderen. Und ich selbst zog 1000 Gesichter an und Er gab mir 1000 Körper.
Ich versuchte das Geheimnis Seiner Magie zu entdecken, aber ich verlor die Tage aus den Augen und nichts half mir, denn jede Verwandlung ist lediglich eine Verwandlung und immer wieder finde ich nur mich selbst, ob ich die Königin bin, oder Handelsmann oder Mönch.
Das Mysterium ist zweifellos in der Leere zwischen den Momenten, in welchen ich nicht mehr bin, was ich war und noch nicht bin, was ich sein werde.
Es fällt mir immer schwerer, den Traum zu ertragen und ich vermisse Ihn mehr und mehr, denjenigen mit Seiner Brust voll von meinen Träumen.
Ich versäume, dass all meine Träume in uns gesammelt sind und jetzt umarme ich meine eigenen Träume, während sie aus meinen durstigen Armen fliehen.
Und dann kam eine letzte Idee, als ich schon die Hoffnung aufgeben wollte – ich werde Ihn bitten, mich in Ihn selbst zu verwandeln. So werde ich sein Geheimnis erkennen!
Bange berühre ich seine Schulter und sein Gesicht erblüht zu einem Lächeln, er liest meinen Gedanken
Er schaut mir fest in die Augen und alles wird zu STILLE.
Wieder bin ich allein am Strand, meine Liebe erkannte mich.
Es ist Zeit, sich auszuruhen.
Ich lege mich über Millionen von Sandkörnern. Es wird dunkel. Ich sammle alle Sterne und verstecke sie in der tiefsten Falte meines Herzens, wo sie einschlafen mit mir bis zum nächsten Morgen.





